Wenn Oma Hilde kommt
Oma Hilde besucht den Lernolotl jeden zweiten Sonntag. Sie stellt keine Fragen. Sie erzählt einfach. Und er hört zu.
Jeden zweiten Sonntag klingelte es um halb drei.
Der Lernolotl wusste dann schon, wer es war. Oma Hilde trug immer einen leichten Mantel, auch wenn es warm war. Sie brachte meistens etwas mit — manchmal Kuchen, manchmal Brot, manchmal ein kleines Buch, das sie irgendwo gefunden hatte.
Heute hatte sie ein Buch mitgebracht. „Über Schmetterlinge", sagte sie und legte es auf den Tisch. „Ich dachte, dich interessiert das vielleicht."
Der Lernolotl schaute das Buch an. Auf dem Cover war ein Monarchfalter. Er kannte den Monarchfalter.
„Danke."
„Gern."
Oma Hilde setzte sich. Sie fragte nicht, wie die Schule war. Sie fragte nicht, ob er neue Freunde hatte. Sie fragte gar nichts. Das war einer der Gründe, warum der Lernolotl gerne hatte, wenn sie kam.
Sie saßen am Tisch. Mama hatte Tee gemacht. Lea war irgendwo im Haus und sang vor sich hin.
Oma Hilde fing an zu erzählen. Sie erzählte von früher — von einem Sommer, in dem sie mit ihrer Schwester jeden Tag Kirschen gepflückt hatte. Von einem Hund, der ihr immer den Weg zur Schule begleitet hatte und dann eines Tages nicht mehr da war. Von einem Zug, den sie einmal verpasst hatte und der sie zu einem Umweg gebracht hatte, der eigentlich viel schöner war.
Der Lernolotl hörte zu. Er trank seinen Tee. Er schaute manchmal aus dem Fenster, aber er hörte trotzdem zu — er konnte zuhören, ohne hinzuschauen, das wusste Oma Hilde.
Sie hatte ihn das nie gefragt. Sie hatte es einfach gemerkt.
Irgendwann fragte Oma Hilde: „Gibt es etwas, das dich gerade beschäftigt?"
Das war ihre einzige Frage. Immer dieselbe. Und der Lernolotl mochte sie, weil man mit Ja oder Nein antworten konnte — und beides war in Ordnung.
Er überlegte. „Ich habe neulich jemanden unterbrochen, ohne es zu merken."
Oma Hilde nickte. Sie fragte nicht: Wen? Oder: Was ist passiert? Sie wartete einfach.
„Wir haben geredet danach. Es ist wieder gut."
„Das klingt, als hättest du das gut gemacht."
„Ich weiß nicht. Sofia hat mehr erklärt als ich."
„Manchmal ist zuhören auch gut gemacht."
Der Lernolotl dachte darüber nach. Das stimmte vielleicht.
Als Oma Hilde ging, stand sie in der Tür und schaute ihn an. „Bis in zwei Wochen."
„Bis in zwei Wochen."
Sie nickte. Dann ging sie.
Der Lernolotl schaute ihr nach, bis sie um die Ecke war. Dann nahm er das Schmetterlinge-Buch und ging in sein Zimmer.
Jeden zweiten Sonntag, halb drei. Das war gut so.
Nicht jede Verbindung braucht viele Worte.
Manchmal reicht es, dass jemand einfach da ist — und keine Fragen stellt, die man nicht beantworten möchte.
