Wenn Mama geht
Jeden Morgen geht Mama. Und jeden Morgen kommt sie wieder. Aber zwischen diesen beiden Momenten liegt für den Lernolotl eine ganze Welt.
Jeden Morgen war es dasselbe. Mama brachte den Lernolotl zur Kita, half ihm mit der Jacke, stellte seine Wasserflasche ins Regal und kniete sich dann vor ihm hin.
„Ich komme nach dem Mittagessen", sagte sie dann immer. Immer dieselben Worte, in derselben Reihenfolge. Das mochte der Lernolotl. Gleiche Worte bedeuteten, dass man sich darauf verlassen konnte.
Dann stand Mama auf, winkte noch einmal und ging durch die Tür. Die Tür fiel zu. Und der Lernolotl blieb zurück.
Das war der Moment, den er nicht mochte.
Nicht weil er Frau Brandt nicht mochte. Und nicht weil die Kita ein schlechter Ort war. Es war ein anderes Gefühl — so als ob etwas Wichtiges weggegangen wäre und man nicht sicher war, ob es auch wirklich wiederkam.
Er wusste, dass Mama wiederkam. Sie hatte es versprochen. Sie hatte es jeden Morgen gesagt. Und Mama hielt immer ihre Versprechen.
Aber das Wissen war manchmal nicht stark genug gegen das Gefühl.
An diesem Morgen blieb der Lernolotl nach dem Abschied lange an der Garderobe stehen. Er schaute auf seine Schuhe. Linker Schuh, rechter Schuh. Linker Schuh, rechter Schuh. Das half manchmal, wenn alles zu viel war.
Frau Brandt kam zu ihm. Sie setzte sich auf die kleine Bank neben der Garderobe — so, dass sie auf seiner Augenhöhe war.
„Schwerer Morgen heute?", fragte sie leise.
Der Lernolotl nickte. Er schaute weiter auf seine Schuhe.
Frau Brandt wartete. Sie fragte nicht noch mehr. Sie redete nicht einfach weiter. Sie wartete einfach, bis er bereit war.
Nach einer Weile sagte der Lernolotl: „Was, wenn sie nicht kommt?"
„Deine Mama?"
Er nickte.
Frau Brandt dachte kurz nach. Dann sagte sie: „Deine Mama ist noch nie nicht gekommen."
Das stimmte. Der Lernolotl überlegte. „Aber was, wenn doch?"
„Dann wäre ich hier. Und du wärst hier. Und wir würden gemeinsam warten und herausfinden, was los ist. Du wärst nie allein."
Der Lernolotl dachte darüber nach. Das war eine gute Antwort. Keine, die sagte: Mach dir keine Sorgen. Sondern eine, die sagte: Ich bin da, egal was kommt.
Frau Brandt holte etwas aus ihrer Kittelschürzentasche — ein kleines Glas mit einem Schraubdeckel. Darin war etwas Glitzerndes und Blaues.
„Weißt du, was das ist?", fragte sie.
„Eine Sorgenkapsel?", sagte der Lernolotl. Er hatte sowas schon mal in einem Buch gesehen.
„Fast. Das ist ein Warteglas. Für jeden Menschen, der heute in der Kita ist, ist da drin ein kleiner Glitzerstein. Wenn du das Glas anfasst, weißt du: Alle warten hier — und alle kommen auch wieder nach Hause."
Der Lernolotl schaute das Glas lange an. Dann streckte er die Hand aus und nahm es. Es war kühl und schwer und schön.
„Darf ich es heute behalten?"
„Bis nach dem Mittagessen. Dann legst du es zurück."
Er nickte. Das war fair.
Den ganzen Vormittag trug der Lernolotl das Glas in der Jackentasche. Beim Frühstück, beim Malen, beim Morgenkreis — er spürte es immer durch den Stoff.
Mia fragte ihn beim Frühstück: „Was hast du da in der Tasche?"
„Ein Warteglas", sagte der Lernolotl.
„Was ist das?"
„Ein Glas, das hilft, wenn man wartet."
Mia nickte ernst, als ob das die selbstverständlichste Sache der Welt wäre. „Gut", sagte sie und biss in ihr Brot.
Ben, der neben ihnen saß und bisher nichts gesagt hatte, schaute kurz zum Lernolotl. Dann schob er ihm wortlos ein Stück seines Käses rüber.
Der Lernolotl mochte keinen Käse. Aber er nahm ihn trotzdem und legte ihn ordentlich neben seinen Teller. Das war bei Ben eine Art, zu sagen: Ich bin da.
Nach dem Mittagessen war da plötzlich Mama in der Tür.
Dieselbe Mama wie immer. Mit derselben Tasche, demselben Lächeln, denselben Schuhen. Der Lernolotl stand auf und ging zu ihr — nicht gerannt, einfach gegangen, weil das reichte.
„Wie war dein Morgen?", fragte Mama.
„Erst schwer", sagte der Lernolotl. „Dann besser."
Mama nickte. Sie fragte nicht weiter. Sie wusste, dass er erzählen würde, wenn er wollte.
Bevor er ging, legte er das Warteglas zurück auf Frau Brandts Schreibtisch. Ordentlich, mit dem Deckel nach oben. Er wusste, dass er es morgen früh vielleicht wieder brauchen würde.
Aber das war morgen. Heute war Mama da.
Das Schwierige am Abschied ist nicht der Abschied selbst.
Es ist das Warten dazwischen.
Und manchmal hilft es, jemanden zu haben, der einfach wartet mit einem.