Ich esse das nicht! — Lernolotl und das Mittagessen

Das Mittagessen in der Kita sieht heute komisch aus. Es riecht anders. Es sieht matschig aus. Mia isst es ganz schnell — aber dem Lernolotl dreht sich der Magen. Frau Brandt hat eine Idee: vielleicht muss er es gar nicht ganz essen.

Der Lernolotl ist mutig Frau Brandt Mama
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Es gab Linsensuppe.

Der Lernolotl wusste, was Linsensuppe war. Er hatte sie einmal zu Hause gegessen. Sie hatte nach Zwiebeln gerochen, und Zwiebeln mochte er grundsätzlich nicht. Pizza mit Mais — ohne Zwiebeln. Das war sein Essen.

Die Linsensuppe in der Kita sah anders aus als die zu Hause. Sie war dicker. Die Farbe war nicht ganz gleich. Und der Geruch — der Geruch war sehr stark. Er zog in die Nase und blieb da.

Mia hatte schon angefangen zu essen. „Mmm", sagte sie. „Ich mag das."

Der Lernolotl schaute in seinen Teller.

Er versuchte es. Einen Löffel. Der Löffel hörte auf halbem Weg auf. Er brachte ihn nicht zum Mund.

Das war nicht Absicht. Er hatte nicht beschlossen: Ich esse nicht. Sein Körper hatte das beschlossen. Der Mund wollte nicht aufgehen. Der Magen schickte ein klares Signal: Bitte nicht.

Er saß da und schaute auf die Suppe und spürte, dass er gleich weinen würde — nicht weil er traurig war, sondern weil sein Körper zu voll war mit einem Gefühl, das er nicht kannte.

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Frau Brandt kam zu ihm. Sie sah den vollen Teller. Sie fragte nicht: „Warum isst du nicht?" Sie fragte: „Was ist komisch daran?"

Das war eine merkwürdige Frage. Aber sie war auch die richtige. Der Lernolotl überlegte. Dann sagte er: „Der Geruch."

Frau Brandt nickte. „Okay. Riech doch mal kurz weg — schau woanders hin."

Frau Brandt
Frau Brandt
„Du musst es nicht ganz essen. Aber vielleicht einen Löffel — einfach um deinen Körper zu fragen, ob er heute anders denkt."

Der Lernolotl schaute zur Seite. Dann atmete er einmal tief durch den Mund. Dann — sehr vorsichtig — einmal durch die Nase.

Der Geruch war noch da. Aber ein bisschen kleiner.

Er nahm den Löffel. Nicht viel. Nur ein bisschen. Er schluckte schnell, ohne nachzudenken.

Es war warm. Es war nicht so schlimm wie der Geruch. Es war immer noch nicht gut — aber es war machbar.

Er aß drei Löffel. Dann hörte er auf.

Frau Brandt sagte: „Das war mutig."

Er hatte nicht das Gefühl, mutig zu sein. Aber er nahm es trotzdem mit.

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Zu Hause erzählte er Mama von der Linsensuppe.

Mama fragte: „Musstest du alles essen?"

„Nein", sagte er. „Frau Brandt hat gesagt, ich muss nur fragen, ob mein Körper vielleicht heute anders denkt."

Mama lächelte. „Hat er?"

Er überlegte. „Drei Löffel."

Das war nicht viel. Aber es war mehr als er gedacht hatte.

„Manche Dinge fühlen sich komisch an — beim Riechen, beim Anfassen, beim Schmecken. Das ist kein Fehler. Das ist dein Körper, der sehr genau wahrnimmt. Manchmal hilft ein kleiner Schritt: einfach kurz fragen, ob der Körper heute vielleicht anders denkt."

Eine Woche später gab es wieder Linsensuppe.

Diesmal aß er fünf Löffel. Und am Ende des Monats hatte er es geschafft, eine halbe Portion zu essen — ohne dass Frau Brandt dabei sein musste.

Er mochte Linsensuppe immer noch nicht besonders. Aber er konnte mit ihr umgehen.

Das war der Unterschied.

🍴 Wenn Essen sich komisch anfühlt — was Kinder und Eltern wissen sollten

Sensorische Essensprobleme sind häufig und neurobiologisch real. Das Kind verweigert nicht aus Trotz — sein Nervensystem schlägt Alarm. Drei hilfreiche Ansätze:

  • Keinen Druck — aber Kontakt ermöglichen: Das Kind muss das Essen nicht essen. Aber es darf danebensitzen, riechen, mit der Gabel berühren — ohne Pflicht. Durch Gewöhnung ohne Zwang baut sich Toleranz auf.
  • Klein anfangen: „Nur ein Löffel" ist kein Versagen — es ist ein Schritt. Den Körper fragen, ob er heute anders denkt, ist ein spielerischer Ansatz, der Druck rausnimmt.
  • Beschreiben statt bewerten: Statt „Sei nicht so wählerisch" lieber: „Was ist komisch daran?" Wenn ein Kind benennen kann, was es stört — Textur, Geruch, Farbe — fühlt es sich verstanden und kann kooperieren.

Wenn Essensprobleme sehr ausgeprägt sind und viele Lebensmittelgruppen betreffen (ARFID — Avoidant Restrictive Food Intake Disorder), ist eine pädiatrische oder ergotherapeutische Abklärung sinnvoll.

Nachbesprechung — Fragen für Eltern und Kinder
💡 Für Eltern: Sensorische Essensprobleme verstehen

Bei Kindern mit sensorischer Verarbeitungssensitivität — häufig bei Autismus und ADHS — reagiert das Nervensystem auf Gerüche, Texturen und Temperaturen von Essen intensiver als bei anderen Kindern. Was für die meisten Menschen angenehm oder neutral ist, kann für diese Kinder wirklich überwältigend sein.

Wichtig: Das Kind verweigert nicht aus Verwöhntheit oder Trotz. Druck und Bestrafung verschlimmern die Problematik oft langfristig — sie verknüpfen Essen mit Angst und Stress. Was hilft, ist geduldige Exposition: Kontakt ohne Pflicht, kleine Schritte, viel Lob für Versuche.

Für den Kitaalltag: Ein kurzes Gespräch mit den Erzieher:innen über die Besonderheiten des Kindes ermöglicht eine angepasste Unterstützung wie in dieser Geschichte — ohne das Kind vor anderen zu exponieren.

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