Lernolotls Welt · Schule · Geschichte 2

Was macht man
in der Pause?

Alle rennen raus. Der Lernolotl steht am Rand und schaut. Er weiß nicht genau, wie man einfach mitmacht — bis Finn ihm etwas zeigt.

Der Lernolotl
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Die große Pause dauerte zwanzig Minuten. Das wusste der Lernolotl genau, weil er jeden Tag auf die Uhr schaute, wenn der Gong ging, und nachher wieder, wenn er zurückging. Zwanzig Minuten. Manchmal fühlten sie sich wie zwanzig Stunden an.

Das Problem war nicht die Pause selbst. Das Problem war, dass in der Pause nichts geregelt war. Im Unterricht wusste man, wer redete und wer zuhörte. In der Pause machte jeder einfach irgendetwas — und der Lernolotl wusste nie genau, was er machen sollte.

Lena ging meistens mit ihrer anderen Freundin zusammen an die Bank unter der Kastanie. Das war ihr Platz. Der Lernolotl wusste das. Er wurde nicht ausgeschlossen — er hätte hinsetzen können. Aber er wusste nicht, worüber sie redeten, und er mochte keine Gespräche, bei denen er die Hälfte verpasst hatte.

Also stellte er sich meistens an die Wand neben dem Eingang und schaute zu.

Finn spielte immer Fußball. Heute rannte er mit drei anderen quer über den Schulhof, schoss, traf daneben, lachte laut und rannte weiter. Finn machte immer viel Lärm — aber nicht auf eine schlechte Art. Es war eher so, als ob Finn einfach zu viel Energie hatte, die irgendwo hin musste.

Der Lernolotl schaute zu und dachte: Fußball hat Regeln. Die kannte er. Aber beim Fußball mit Finn lief niemand nach den Regeln — da lief jeder einfach irgendwo hin und schrie dabei.

Das war schwieriger.

· · ·

Finn sah ihn. Er sah ihn so, wie Finn alles sah — kurz, direkt, ohne groß nachzudenken. Dann kam er einfach rüber. Nicht langsam. Finn machte nie irgendetwas langsam.

„Hey. Warum stehst du da?"

„Ich stehe hier", sagte der Lernolotl.

„Willst du nicht mitspielen?"

„Ich kenne die Regeln nicht. Also — die echten Regeln. Ihr spielt ja nicht nach echten Regeln."

Finn schaute ihn an. Dann grinste er. „Stimmt. Wir spielen eigentlich gar nicht. Wir rennen einfach."

„Warum?"

„Weil's Spaß macht." Finn zuckte mit den Schultern, als ob das die einfachste Erklärung der Welt wäre. „Du musst nicht gut sein. Du musst einfach rennen."

Der Lernolotl dachte darüber nach. Rennen konnte er. Rennen hatte keine Regeln, die man falsch machen konnte. „Und wenn ich in die falsche Richtung renne?"

„Dann rennst du in die falsche Richtung. Ist doch egal."

Das war eine sehr ungewöhnliche Antwort. Aber irgendwie eine gute.

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Der Lernolotl stellte sich vom Eingang weg und folgte Finn auf den Schulhof. Finn schrie sofort: „Der Lernolotl spielt mit!" — und dann rannte er schon wieder.

Die anderen Kinder schauten kurz. Dann rannten auch sie weiter. Niemand erklärte die Regeln. Niemand teilte Teams ein. Alle rannten einfach.

Der Lernolotl stand kurz still und schaute. Dann rannte er auch.

Er rannte nach links, weil da gerade niemand war. Dann rannte er nach rechts, weil der Ball dahin rollte. Er wusste nicht genau, ob er in der richtigen Richtung war. Aber Finn hatte ja gesagt, dass das egal war.

Einmal kam der Ball zu ihm. Er schaute kurz drauf — runder Ball, grau-weiß, etwas abgenutzt — und schoss ihn zurück. Nicht perfekt. Aber irgendwie.

„Gut!", rief Finn, ohne stehenzubleiben.

Der Lernolotl wusste nicht, ob das gut gewesen war. Aber Finn hatte es gesagt. Das reichte.

· · ·

Als der Gong ging, schaute der Lernolotl auf die Uhr. Zwanzig Minuten. Er hatte nicht einmal gemerkt, wie sie vergangen waren.

Lena kam von der Kastanie rüber. „Du hast mitgespielt?"

„Wir haben eigentlich nicht gespielt. Wir haben einfach gerannt."

Lena nickte, als ob das eine perfekte Erklärung wäre. „Das macht Finn immer so."

„Ich weiß. Ich dachte, das wäre Fußball."

„Ein bisschen ist es das auch."

Der Lernolotl überlegte. „Dann ist es ein sehr schlechter Fußball."

Lena lachte kurz. „Ja. Aber das macht nichts."

Das, dachte der Lernolotl, stimmte eigentlich.

Ende

Manchmal muss man keine Regeln kennen.
Manchmal reicht es, einfach mitzurennen — auch wenn man nicht weiß wohin.

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Gesprächsanregung
Gesprächsanregung für Eltern
Mögliche Fragen nach dem Vorlesen

Diese Geschichte eignet sich gut, um über Pausen, Schulhof-Situationen und das Thema „Dazugehören ohne Plan" zu sprechen.

  • 1.Warum war die Pause für den Lernolotl schwieriger als der Unterricht? Was war der Unterschied?
  • 2.Finn hat nicht lange überlegt — er hat einfach gefragt und den Lernolotl mitgenommen. Was findest du daran gut?
  • 3.Der Lernolotl rannte in die „falsche Richtung" — aber es hat niemanden gestört. Hast du auch manchmal Angst, etwas falsch zu machen?
  • 4.Am Ende sagt Lena: „Das macht nichts." Wann ist es wichtig, Regeln zu kennen — und wann nicht?
  • 5.Was machst du in der Pause am liebsten? Gibt es etwas, das du gerne machen würdest, aber noch nicht getraut hast?
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