Ich kann mich nicht konzentrieren

Der Kopf des Lernolotl springt heute von Gedanke zu Gedanke — Tintenfische, Wolkenformen, was wäre wenn Vögel rückwärts fliegen könnten. Herr Mayer erklärt etwas Wichtiges. Aber der Kopf ist gerade woanders. Bis der Lernolotl drei Tricks entdeckt, die ihn ins Hier zurückbringen.

Der Lernolotl Herr Mayer Lena
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Herr Mayer erklärte gerade etwas über Brüche. Der Lernolotl wusste das, weil er die Tafel sah und „Brüche" dort stand. Er sah das Wort. Aber er hörte gerade nicht zu.

Er dachte an Tintenfische.

Genauer gesagt: Er dachte daran, dass Tintenfische drei Herzen haben. Und blaues Blut. Und neun Gehirne — eines im Kopf und je eines in jedem Arm. Das bedeutete: Ein Tintenfischarm konnte Dinge entscheiden, ohne den Kopf zu fragen.

Könnten die Arme dann auch uneinig sein?, dachte der Lernolotl. Arm drei will nach links, Arm sieben will nach rechts?

„Lernolotl?"

Er zuckte zusammen. Herr Mayer sah ihn an. Nicht böse — eher wie jemand, der etwas zum zweiten Mal sagt.

„Kannst du mir erklären, was ich gerade erklärt habe?"

Der Lernolotl öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Er wusste es nicht. Er hatte es gehört — das Geräusch der Stimme war angekommen. Aber der Inhalt war irgendwo auf dem Weg verloren gegangen, weil ein Tintenfischgedanke schneller gewesen war.

„Ich... war gerade nicht ganz da", sagte er.

Herr Mayer nickte. „Ich weiß", sagte er, ohne einen besonderen Ton dabei. „Komm nach der Stunde kurz zu mir."

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Nach der Stunde blieben sie alleine im Klassenzimmer. Herr Mayer setzte sich auf die Tischkante — nicht hinter seinen Lehrertisch, sondern vorne, auf Augenhöhe.

„Passiert dir das öfter?", fragte er. „Dass der Kopf woandershin geht?"

„Ja", sagte der Lernolotl. „Besonders wenn es ruhig ist. Dann wird der Kopf lauter."

Das stimmte. In der Pause, wenn alle laut waren, war der Kopf manchmal sogar ruhiger — weil so viel von außen kam, dass er keine eigenen Gedanken mehr dazwischenschieben konnte. Aber wenn Herr Mayer ruhig und gleichmäßig erklärte, dann fing der Kopf an, selbst Dinge zu erfinden.

Herr Mayer
Herr Mayer
„Dein Kopf ist nicht kaputt. Er braucht nur manchmal etwas, womit er beschäftigt ist — damit er beim Richtigen bleibt."

Herr Mayer hörte zu. Dann sagte er: „Ich habe drei Sachen, die anderen Kindern geholfen haben. Willst du sie ausprobieren?"

Der Lernolotl nickte.

Erstens: Mitschreiben. Nicht alles — nur Schlüsselwörter. Die Hand beschäftigen gibt dem Kopf etwas zu tun, das mit dem Unterricht zusammenhängt. Auch wenn man nicht alles aufschreibt, was man schreibt — die Bewegung hilft.

Zweitens: Sitzen am Rand. Nicht hinten, wo man unsichtbar ist, und nicht vorne, wo man unter Beobachtung steht — sondern seitlich, neben dem Fenster. Von dort kann man kurz rausschauen, wenn der Kopf zu voll wird. Fünf Sekunden draußen, dann zurück.

Drittens: Der Stein. Herr Mayer öffnete die Schublade und legte einen kleinen runden Stein auf den Tisch. Glatt. Kühl. Schwer genug, um ihn zu spüren. „Den kannst du in der Tasche haben. Wenn du merkst, dass du abdriftest — Stein in die Hand, und zähl fünf Mal die Rillen mit dem Daumen."

Der Lernolotl nahm den Stein. Er war tatsächlich angenehm.

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In den nächsten Tagen probierte er alle drei aus.

Das Mitschreiben half am meisten. Nicht wegen der Notizen — die konnte er hinterher kaum lesen, weil er beim Schreiben schon beim nächsten Gedanken war. Aber die Bewegung der Hand hielt ihn im Raum. Es war, als würde ein Anker ins Wasser fallen: Du bist hier. Schreib das auf. Bleib.

Den Stein vergaß er zweimal zu Hause. Aber am dritten Tag hatte er ihn dabei, und als der Gedanke kam — können Wolken eigentlich ihr Gewicht spüren? — griff er in die Tasche. Fünf Rillen. Eins, zwei, drei, vier, fünf. Und dann war er zurück. Herr Mayer erklärte noch. Er hatte nicht viel verpasst.

Lena sah es einmal und fragte: „Was machst du da?"

„Ich komme zurück", sagte der Lernolotl.

Lena dachte kurz nach. „Kann ich auch mal?", fragte sie. Sie hatte manchmal auch Tage, an denen der Kopf zu viel dachte.

Der Lernolotl gab ihr den Stein für eine Stunde. Danach hatte sie ihn wieder zurückgegeben, aber sie hatte gefragt, ob man so einen auch kaufen könne.

Er hatte sie angeschaut. „Das ist ein Stein aus dem Schulhof", sagte er. „Die sind umsonst."

„Konzentration bedeutet nicht, nie abzudriften. Es bedeutet, den Weg zurück zu kennen."

Herr Mayer fragte ihn eine Woche später, wie es laufe.

„Besser", sagte der Lernolotl. „Ich bin immer noch manchmal weg. Aber jetzt weiß ich, wie ich zurückkomme."

Das war genug. Mehr hatte Herr Mayer auch nicht versprochen.

🪨 Drei Anker gegen das Abdriften

Diese Strategien helfen Kindern, die merken dass ihr Kopf „woandershin" geht — besonders in ruhigen, gleichmäßigen Situationen wie dem Frontalunterricht:

  • Mitschreiben (Stichworte): Die Hand beschäftigen hält das Gehirn im Thema. Es müssen keine vollständigen Sätze sein — Schlüsselwörter reichen. Die Bewegung zählt mehr als das Ergebnis.
  • Fensterplatz / kurze Außenblicke: 5 Sekunden rausschauen, dann zurück. Das reguliert, ohne zu stören. Kinder, die wissen dass sie dürfen, brauchen es weniger oft.
  • Fidget-Gegenstand (Stein, Ring, Knetmasse): Etwas Haptisches in der Hand gibt dem sensorischen System, was es braucht — und lässt den Kopf beim Wesentlichen bleiben. Schulhof-Steine funktionieren genauso gut wie teures Zubehör.

Wichtig für Eltern: Diese Strategien können auch mit der Lehrkraft besprochen werden. Viele Lehrer sind offen für unauffällige Hilfsmittel — besonders wenn das Kind selbst erklären kann, was ihm hilft.

Nachbesprechung — Fragen für Eltern und Kinder
💡 Für Eltern: Wenn Konzentration sich anders anfühlt

Kinder mit ADHS erleben Konzentration nicht als An/Aus-Schalter. Hyperfokus auf ein interessantes Thema ist genauso möglich wie vollständiges Abdriften bei einem gleichmäßigen, wenig stimulierenden Input. Das ist kein Willensproblem — sondern ein Regulationsproblem.

Strategien wie Fidget-Gegenstände oder das Erlaubnis-Fenster-Schauen wirken, weil sie dem Nervensystem die Stimulation geben, die es braucht — ohne den Unterricht zu stören. Der Schlüssel ist, dass das Kind selbst weiß: Ich darf das. Das reduziert den inneren Kampf erheblich.

Ein offenes Gespräch mit der Lehrkraft — bei dem das Kind beschreibt, was ihm hilft — ist oft wirkungsvoller als Diagnosen oder Atteste.

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