Ich bin beim Aussuchen immer der Letzte

Wenn Mannschaften gewählt werden, wartet der Lernolotl immer bis zum Schluss. Alle anderen werden zuerst gerufen. Er steht da und zählt — wie viele noch übrig sind. Immer weniger. Bis er der Einzige ist. Herr Koch sieht das. Und ändert die Regeln.

Der Lernolotl wartet Herr Koch
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Es war immer dasselbe.

Herr Koch sagte: „Zwei Kapitäne suchen sich ihre Mannschaft aus." Timo und ein anderer Junge traten vor. Der Lernolotl blieb stehen und wartete.

Er wusste, was jetzt kam. Er hatte es gezählt. In den letzten sechs Wochen war er fünfmal der Letzte gewesen. Einmal der Vorletzte — aber da hatte er nur nicht gewartete, weil er genau wusste, dass es auf ihn hinauslaufen würde.

Immer der Letzte.

Das erste Mal hatte er gedacht: Zufall. Beim zweiten Mal hatte er es notiert. Beim fünften Mal hatte er eine Theorie: Die anderen wählten nach Bekanntheit, nach Freundschaft, nach Schnelligkeit. Er war nicht schnell. Er war nicht laut. Er redete nicht viel in der Umkleide. Also wurde er zuletzt gewählt.

Das ergab eine Logik. Aber die Logik machte es nicht besser.

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Herr Koch beobachtete das. Nicht einmal — mehrmals.

Am Dienstag nach dem sechsten Mal bat er alle zu sich. Er erklärte nichts. Er sagte nur: „Ab heute wählen wir Mannschaften anders."

Er zog Zettel aus einer Tüte. Auf jedem Zettel stand ein Name. Die ersten fünf Zettel — eine Mannschaft. Die nächsten fünf — die andere.

Zufällig. Gerecht. Ohne Hierarchie.

Herr Koch
Herr Koch
„Im echten Sport werden Mannschaften nicht auf dem Schulhof zusammengestellt. Im echten Sport trainiert man zusammen, egal wer dabei ist. Das üben wir jetzt."

Niemand protestierte. Timo zuckte die Schultern. Der Lernolotl hörte die Zettel rascheln.

Sein Name wurde im dritten Zug gezogen. Er war der Dritte. Nicht der Letzte. Nicht besonders früh — aber auch nicht am Ende.

Er stand in der Mitte der Gruppe. Ein Zettel. Dasselbe System für alle.

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Nach dem Training fragte der Lernolotl Herr Koch, ob er das Losgezogen-Werden von jetzt an immer so machen würde.

„Solange ich der Trainer bin", sagte Herr Koch.

Der Lernolotl überlegte. „Warum haben Sie das nicht früher gemacht?"

Herr Koch schwieg kurz. Dann sagte er: „Weil ich es nicht früh genug gesehen habe. Danke, dass du dabei geblieben bist."

„Nicht immer gewählt zu werden, sagt nichts über deinen Wert aus. Es sagt etwas über das System — und manchmal muss das System geändert werden."

Auf dem Weg nach Hause dachte der Lernolotl über das Wort „System" nach. Er mochte Systeme. Er mochte, wenn Systeme fair waren. Das Losgezogen-Werden war ein faires System.

Das nächste Training wartete er nicht mehr auf seinen Namen. Er stand einfach da — und wartete auf seinen Zettel.

Das war besser.

💚 Immer der Letzte — was das mit Kindern macht

Das Mannschaft-Aussuchen durch Kapitäne ist eine der am meisten unterschätzten Quellen sozialer Ausgrenzung im Schulsport.

  • Das Gefühl hat reale Auswirkungen: Kinder, die chronisch zuletzt gewählt werden, assoziieren Sport mit Ablehnung — nicht mit Bewegung. Das kann zu dauerhafter Sportvermeidung führen.
  • Das System ist lösbar: Zufällige Zuteilung, feste Rotationen oder durch den Trainer bestimmte Gruppen beseitigen das Problem vollständig. Es braucht nur die Entscheidung, es zu tun.
  • Früh hinschauen: Trainer und Lehrkräfte, die regelmäßig beobachten, wer immer zuletzt ausgewählt wird, können früh eingreifen — bevor das Muster zum Problem wird.

Herr Koch macht hier etwas Wichtiges: Er ändert das System, ohne das Kind bloßzustellen. Er erklärt keine Sonderlösung für den Lernolotl — er ändert die Regel für alle.

Nachbesprechung — Fragen für Eltern und Kinder
💡 Für Eltern & Trainer: Systematische Ausgrenzung im Sport erkennen

Das Phänomen „immer der Letzte beim Aussuchen" ist kein Kindheitsdrama, das sich von selbst löst — es ist ein verlässlicher Frühindikator für soziale Marginalisierung. Kinder, die dieses Muster erleben, entwickeln häufig Sportvermeidung und ein negatives Selbstbild bezüglich ihrer sozialen Attraktivität.

Die Lösung ist strukturell: Zufällige Gruppeneinteilung, feste Rotation, oder Trainer-bestimmte Teams verhindern das Problem vollständig. Das kostet keinen Mehraufwand — es braucht nur eine bewusste Entscheidung.

Wenn Ihr Kind davon berichtet, immer zuletzt gewählt zu werden: Sprechen Sie mit dem Trainer. Das ist kein kleines Problem.

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