Lernolotls Welt · Zuhause · Geschichte 2

Wenn der Akku leer ist

Nach der Schule braucht der Lernolotl Zeit für sich. Aber Lea will jetzt spielen. Sofort. Eine Geschichte über das, was jeder Mensch braucht.

Der Lernolotl und Lea
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Nach der Schule war der Lernolotl immer zuerst still.

Das war keine Entscheidung. Es passierte einfach so. Er kam nach Hause, hängte seinen Rucksack auf, zog die Schuhe aus, und dann brauchte er ungefähr dreißig Minuten, in denen nichts mit ihm passieren durfte. Kein Vorlesen. Keine Hausaufgaben. Keine Fragen. Nur sein Zimmer, sein Bett, die Decke bis unters Kinn.

Mama nannte das seinen Akku. „Der muss sich erst wieder aufladen."

Das stimmte. In der Schule brauchte der Lernolotl sehr viel Strom — für das Aufpassen, das Stillsitzen, das Antworten, das Warten, das Nicht-zu-laut-Sein. Zuhause war der Strom dann weg.

· · ·

Heute lag er also unter seiner Decke, und die Tür war einen Spalt offen, weil er es so mochte, wenn er das Licht vom Flur sehen konnte.

Dann hörte er Schritte. Kleine, schnelle Schritte. Lea-Schritte.

Die Tür ging auf.

„Spielst du mit mir?"

Lea stand in der Tür mit einer lila Schachtel unter dem Arm. Puzzle. Das große mit den Schmetterlingen, das sie nie allein schaffen konnte.

„Nein", sagte der Lernolotl.

„Warum nicht?"

„Weil mein Akku leer ist."

Lea schaute ihn an. Sie verstand das nicht wirklich — aber sie kannte das Wort. „Wie lange noch?"

„Zwanzig Minuten."

Lea dachte nach. „Das ist lange."

„Ich weiß."

Sie ging wieder raus. Die Tür ließ sie einen Spalt offen, genau so wie vorher.

Der Lernolotl war überrascht. Er hatte erwartet, dass sie anfangen würde zu weinen.

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Zwanzig Minuten später stand er auf.

Lea saß im Wohnzimmer auf dem Boden. Die Schmetterlings-Puzzle-Schachtel lag neben ihr, noch geschlossen. Sie hatte auf ihn gewartet.

Der Lernolotl setzte sich neben sie. Er sagte nichts. Sie öffneten zusammen die Schachtel.

· · ·

Später, beim Abendessen, fragte Mama: „Habt ihr gut gespielt?"

Lea nickte. „Er hat gewartet, bis sein Akku voll war."

„Ihr habt einen Deal gemacht?"

Der Lernolotl überlegte. „Kein Deal. Ich habe ihr erklärt, was ich brauche. Und sie hat gewartet."

Mama lächelte. „Das ist noch besser als ein Deal."

Lea aß einen Löffel Nudeln. „Ich brauche auch manchmal Zeit", sagte sie dann. „Wenn ich traurig bin, dann soll niemand mit mir reden."

Das hatte der Lernolotl nicht gewusst.

„Das wusste ich nicht", sagte er.

„Ich auch nicht, dass du einen Akku hast", sagte Lea.

Sie aßen ihre Nudeln. Draußen wurde es langsam dunkel.

Ende

Jeder Mensch braucht manchmal Zeit für sich — und das darf sehr unterschiedlich sein.
Es hilft, wenn man sagt, was man braucht. Und wenn der andere zuhört.

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Gesprächsanregung
Gesprächsanregung für Eltern
Mögliche Fragen nach dem Vorlesen

Diese Geschichte eignet sich gut, um über Erschöpfung, Geschwister und das Benennen eigener Bedürfnisse zu sprechen.

  • 1.Mama sagt, der Lernolotl hat einen „Akku". Was meint sie damit? Hast du auch so etwas?
  • 2.Lea wartet — obwohl sie das Puzzle eigentlich sofort machen wollte. Warum macht sie das?
  • 3.Der Lernolotl sagt: „Ich habe ihr erklärt, was ich brauche." Was ist der Unterschied zwischen erklären und bitten?
  • 4.Lea erzählt, dass sie auch manchmal Zeit braucht. Das wusste der Lernolotl nicht. Wie können Geschwister das voneinander lernen?
  • 5.Was brauchst du, wenn dein Akku leer ist?
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