Paul und die wackelnden Worte

Paul ist ein freundlicher Junge mit vielen Gedanken im Kopf. Doch manchmal sprudeln die Worte zu schnell heraus, manchmal bleiben sie stecken – besonders wenn viele Menschen um ihn herum sind. Als Paul im Stuhlkreis etwas erzählen soll, zieht sich etwas in seinem Bauch zusammen. Eine Geschichte über Unsicherheit, Scham und den Mut, die eigene Stimme zu finden.

Paul und die wackelnden Worte
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Paul war ein freundlicher Junge mit vielen Gedanken im Kopf. In seinem Kopf waren die Gedanken oft schneller als seine Worte. Manchmal sprudelten sie einfach heraus, manchmal blieben sie stecken. Besonders dann, wenn viele Menschen um ihn herum waren.

An diesem Morgen sollte Paul im Kindergarten einen Stuhlkreis machen. Die Erzieherin hatte angekündigt, dass jedes Kind etwas erzählen durfte: von seinem Wochenende, von einem Lieblingstier oder von etwas, das es besonders mochte. Als Paul das hörte, zog sich etwas in seinem Bauch zusammen.

Er wusste genau, was er erzählen wollte. Er hatte am Wochenende mit seinem Papa einen Drachen steigen lassen. Der Drachen war hoch geflogen, höher als alle anderen. Paul hatte gelacht und sich frei gefühlt. Doch jetzt, im Kindergarten, fühlte sich alles ganz anders an.

Als der Stuhlkreis begann, hörte Paul die anderen Kinder sprechen. Manche redeten laut und schnell, andere leise, aber alle redeten. Mit jedem Kind, das an der Reihe war, klopfte Pauls Herz ein bisschen schneller. Seine Hände wurden feucht, und seine Füße wollten sich am liebsten unter den Stuhl verstecken.

„Was, wenn ich die falschen Worte sage?", dachte Paul. „Was, wenn alle lachen?" Er spürte, wie sein Gesicht warm wurde. Dieses Gefühl kannte er gut. Es war Unsicherheit, gemischt mit Scham.

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Endlich war Paul an der Reihe. Alle Augen schauten ihn an. Die Worte, die eben noch klar in seinem Kopf gewesen waren, begannen zu wackeln. Paul öffnete den Mund – und schloss ihn wieder. Sein Hals fühlte sich trocken an.

Die Erzieherin kniete sich neben ihn. Sie sprach leise, sodass nur Paul es hören konnte. „Du musst nichts sagen, wenn es sich gerade nicht gut anfühlt", sagte sie ruhig. „Und du darfst dir Zeit lassen."

Paul atmete tief ein und langsam wieder aus. Einmal. Zweimal. Er spürte den Boden unter seinen Füßen und den Stuhl unter sich.

Dann sagte er ganz leise: „Ich war Drachen steigen lassen."

Niemand lachte. Die Kinder hörten zu. Die Erzieherin lächelte Paul ermutigend an. Langsam erzählte Paul weiter. Nicht perfekt, nicht laut – aber echt.

Als er fertig war, fühlte sich seine Brust leichter an. Die Unsicherheit war nicht ganz weg, aber sie hatte Platz gemacht für ein kleines bisschen Stolz.

Paul wusste nun: Unsicherheit bedeutet nicht, dass etwas falsch mit ihm ist. Sie bedeutet nur, dass ihm etwas wichtig ist.

💭 Die Paul-Technik – Mit Unsicherheit umgehen

Diese Übung hilft Kindern, mit Unsicherheit und Scham umzugehen:

  • Das Gefühl erkennen: „Ich fühle mich unsicher" – das Gefühl benennen dürfen
  • Bewusst atmen: Tief einatmen, langsam ausatmen – einmal, zweimal, dreimal
  • Den Boden spüren: Füße auf dem Boden wahrnehmen, sich verankern
  • Zeit nehmen dürfen: Es gibt keinen Zeitdruck – jeder darf in seinem eigenen Tempo sprechen
  • Klein anfangen: Mit einem kurzen Satz beginnen – nicht alles muss perfekt sein

Diese Technik vermittelt, dass Unsicherheit ein normales Gefühl ist und dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben, sondern trotz Angst zu handeln. Sie stärkt das Selbstvertrauen und zeigt, dass authentisch sein wichtiger ist als perfekt zu sein.

💡 Gesprächsanregung für Eltern

Mögliche Fragen nach dem Vorlesen:

• Was hat Paul am Wochenende gemacht?
• Was sollte Paul im Kindergarten machen?
• Wie hat sich Paul gefühlt, als er an der Reihe war?
• Was hat die Erzieherin zu Paul gesagt?
• Was hat Paul gemacht, bevor er gesprochen hat?
• Wie hat sich Paul am Ende gefühlt?
• Hast du dich schon mal unsicher gefühlt, wenn du etwas sagen solltest?
• Was hilft dir, wenn du nervös bist?
• Muss man immer perfekt sein, wenn man etwas erzählt?

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