Als es draußen dunkel wurde, saß Mira noch aufrecht in ihrem Bett. Das Fenster war gekippt, und die Abendluft kam langsam ins Zimmer. Sie roch nach Sommer und nach etwas Unbestimmtem, das nur abends existierte. Das Zimmer war aufgeräumt, das Licht gedimmt, und trotzdem fühlte es sich an, als wäre der Tag noch nicht ganz vorbei.
Mira betrachtete die Schatten an der Wand. Sie bewegten sich kaum, aber sie veränderten sich, je länger man hinsah. Ein Schatten wurde länger, ein anderer verschwand fast vollständig. Es war, als würde der Abend ganz leise arbeiten, ohne bemerkt werden zu wollen.
Von draußen kamen entfernte Geräusche. Ein Auto fuhr vorbei, irgendwo schloss eine Tür, dann wurde es wieder ruhig. Mira zog die Decke etwas höher und lauschte. Sie hatte nicht das Gefühl, wach bleiben zu müssen, aber auch noch nicht bereit zu sein, einzuschlafen. Es war dieser Moment dazwischen, in dem nichts entschieden war.
Sie setzte sich näher ans Fenster und schaute hinaus. Der Himmel war dunkelblau, fast schwarz, aber nicht leer. Kleine Lichtpunkte waren zu sehen, nicht hell, eher zurückhaltend. Mira fragte sich, ob sie immer da waren oder ob sie nur abends auftauchten, wenn man genau hinsah.
Die Welt draußen wirkte langsamer als am Tag. Nichts schien es eilig zu haben. Selbst der Wind bewegte sich vorsichtig, als wolle er niemanden stören. Mira spürte, wie sich diese Ruhe in ihr ausbreitete, ganz allmählich.
Sie dachte an den Tag zurück, aber ohne Bilder festzuhalten. Es war mehr ein Gefühl als eine Erinnerung. Alles, was wichtig gewesen war, durfte nun zur Seite rücken. Morgen war weit genug weg, um jetzt keine Rolle zu spielen.
Mira legte sich wieder hin und beobachtete den Fensterspalt. Die Dunkelheit draußen schien nicht näherzukommen, sondern sich freundlich auszubreiten. Sie fragte sich, ob die Nacht sie schon bemerkt hatte oder ob sie noch wartete, bis Mira ganz bereit war.
Und während sie so dalag und dem Abend hinter dem Fenster zusah, fragte sie sich, ob der Schlaf schon unterwegs war oder ob er erst dann kommen würde, wenn sie aufhörte, nach ihm zu suchen.
Vielleicht, dachte Mira, musste sie einfach noch einen Moment still liegen und dem Abend erlauben, ganz anzukommen …