Der Tag, an dem Sofia wütend war
Sofia ist plötzlich wütend — und der Lernolotl versteht nicht warum. Er hat doch nichts falsch gemacht. Oder doch?
Es fing in der Pause an.
Der Lernolotl und Sofia standen am Rand des Schulhofs. Das war ihr Platz — nicht weil sie ihn sich ausgesucht hatten, sondern weil sie beide nicht so gerne in der Mitte standen, wo alles laut und unvorhersehbar war.
Sofia hatte von ihrer Oma erzählt. Der Lernolotl hatte zugehört — oder er dachte, er hatte zugehört. Aber dann hatte er an etwas gedacht, das mit Omabesuchen zusammenhing, und hatte einfach angefangen davon zu erzählen. Mitten in Sofias Satz.
Sofia hatte aufgehört zu reden.
Der Lernolotl hatte weiter geredet. Er hatte nicht gemerkt, dass er sie unterbrochen hatte.
In der nächsten Stunde saß Sofia einen Stuhl weiter als sonst. Das war ungewöhnlich. Der Lernolotl schaute zweimal rüber.
Nach dem Unterricht wartete er auf sie. Sie kam, aber sie schaute an ihm vorbei.
„Bist du wütend?"
„Nein."
Das klang nicht wie Nein. Das klang wie das Gegenteil von Nein.
„Du klingst wütend."
Sofia blieb stehen. „Du hast mich einfach unterbrochen."
Der Lernolotl überlegte. „Ich habe dich unterbrochen?"
„Mitten im Satz. Über meine Oma."
Er dachte zurück. Er versuchte, sich zu erinnern. „Ich habe nicht gemerkt, dass du noch nicht fertig warst."
„Das weiß ich." Sofia schaute ihn jetzt an. „Aber es hat trotzdem wehgetan."
Das war schwierig. Der Lernolotl hatte nichts mit Absicht getan — und trotzdem hatte es wehgetan. Das ergab für ihn nicht sofort einen Sinn.
„Wenn ich es nicht gemerkt habe, wie kann es dann trotzdem falsch sein?"
Sofia überlegte. „Es ist nicht falsch, es nicht zu merken. Aber es ist trotzdem passiert."
Der Lernolotl dachte darüber nach. Das war ein Unterschied, den er noch nicht so formuliert gehört hatte.
„Was hätte ich tun sollen?"
„Einfach fragen: Bist du fertig? Oder warten, bis ich aufgehört habe zu reden."
Das war konkret. Das konnte er sich merken.
„Das mache ich nächstes Mal."
Sofia nickte. „Ich weiß, dass du das nicht mit Absicht machst."
„Ich weiß, dass es trotzdem wehtut."
Sie schauten sich an. Dann gingen sie zusammen nach drinnen.
Am nächsten Tag erzählte Sofia weiter von ihrer Oma — von Anfang an, noch einmal. Der Lernolotl hörte zu. Er wartete, bis sie fertig war.
Dann erzählte er von seinem Omabesuch.
Das war besser. Viel besser.
Manchmal verletzt man jemanden, ohne es zu merken — und ohne es zu wollen.
Das ändert nichts daran, dass es passiert ist. Aber man kann trotzdem daraus lernen.
