Lernolotl meldet sich
Er weiß die Antwort. Er weiß sie sogar ganz genau. Aber den Arm heben — vor allen — das ist eine ganz andere Aufgabe.
Herr Mayer schrieb eine Zahl an die Tafel. Eine große, mit drei Stellen. Dann drehte er sich um und fragte: „Wer weiß, durch welche Zahlen sich das teilen lässt?"
Der Lernolotl wusste es sofort. Er wusste es so sofort, dass er die Antwort schon im Kopf fertig hatte, bevor Herr Mayer den Satz zu Ende gesprochen hatte. Eins, zwei, vier, acht, sechzehn, zweiunddreißig — und die Zahl selbst.
Aber er hob den Arm nicht.
Er schaute auf die Zahl an der Tafel und dachte: Ich könnte es jetzt sagen. Es wäre die richtige Antwort. Herr Mayer würde nicken. Vielleicht würde er „sehr gut" sagen. Das wäre schön.
Aber dann würden alle schauen. Zwanzig Kinder auf einmal, die alle gleichzeitig ihren Kopf in seine Richtung drehen. Das war das Problem.
Lena neben ihm hatte ihren Arm schon halb oben. Sie schaute kurz zu ihm rüber, dann wieder nach vorne. Sie wusste es auch — das sah man ihr an.
Jonas rief einfach raus, ohne zu fragen: „Zwei! Und vier!" Herr Mayer schrieb es an die Tafel, sagte aber ruhig: „Danke, Jonas. Beim nächsten Mal bitte melden."
Der Lernolotl sah, wie noch mehr fehlten. Sechzehn. Zweiunddreißig. Die Tafel war noch nicht voll.
Herr Mayer wartete. Er wartete immer ein bisschen länger als andere Lehrer — das hatte der Lernolotl schon gemerkt. Als ob er wusste, dass manche Kinder mehr Zeit brauchen, um den Arm zu heben.
„Fehlen noch welche", sagte Herr Mayer. Keine Frage. Eine Einladung.
Der Lernolotl spürte, wie sein Arm sich ein kleines Stück hob. Nicht ganz. Nur halb. Er schaute auf den Tisch vor sich.
Herr Mayer sah es trotzdem. „Ja?", sagte er, direkt zu ihm.
Alle drehten sich um. Genau wie erwartet.
Der Lernolotl sagte die Zahlen. Nicht laut, aber laut genug. „Sechzehn. Zweiunddreißig. Vierundsechzig." Er hatte noch eine dazugenommen, die die anderen vergessen hatten.
Herr Mayer schrieb alle drei an die Tafel. Dann sagte er: „Genau. Und vierundsechzig hatte noch niemand. Gut gesehen."
Die Köpfe drehten sich wieder nach vorne. Die zwanzig Kinder schauten wieder an die Tafel. Der Lernolotl schaute auch an die Tafel.
Das war alles. Nicht mehr. Nicht weniger.
In der Pause fragte Lena: „Warum hast du so lange gewartet?"
Der Lernolotl überlegte, wie er es erklären sollte. „Weil alle schauen", sagte er schließlich.
„Die schauen doch immer, wenn jemand antwortet."
„Ich weiß. Das ist das Problem."
Lena dachte darüber nach. Sie lehnte sich gegen die Wand neben dem Klassenzimmer und schaute auf den Schulhof. „Ich finde es manchmal auch komisch. Wenn ich die Antwort nicht weiß und alle schauen trotzdem."
„Das ist anders", sagte der Lernolotl.
„Stimmt", sagte Lena. „Aber ein bisschen auch gleich."
Der Lernolotl dachte darüber nach. Vielleicht stimmte das.
Am Nachmittag, kurz bevor die Schule aus war, schrieb Herr Mayer wieder eine Aufgabe an die Tafel. Diesmal eine schwierigere.
Der Lernolotl wusste die Antwort wieder sofort.
Er wartete drei Sekunden. Dann hob er den Arm. Nicht halb — diesmal ganz.
Nicht weil es nicht mehr komisch war. Sondern weil er wusste, dass es danach wieder vorbei war.
Mut bedeutet nicht, dass es sich nicht mehr komisch anfühlt.
Mut bedeutet, es trotzdem zu tun — und zu wissen, dass es danach wieder vorbei ist.