Am nächsten Morgen war das Meer ungewöhnlich still, fast so, als würde es etwas zurückhalten. Willi schlüpfte aus seinem Häuschen und spürte sofort, dass der Tag anders werden würde. Das Licht der Sonne tanzte auf dem Wasser wie feine goldene Fäden, und in der Luft lag ein Summen, das er nicht einordnen konnte. Es war kein Summen einer Biene, kein Pfeifen des Windes und auch kein Glucksen der Wellen. Es klang melodisch. Geheimnisvoll. Und ein wenig traurig.
Willi kroch näher ans Ufer und fühlte das Summen sogar durch den Boden. Die Muschel in seinem U-Boot, die er gestern wieder dort abgelegt hatte, glühte leicht durch die Scheibe hindurch. „Du willst mir wieder etwas zeigen, oder?", murmelte Willi und lächelte. Vorsichtig stieg er ins U-Boot und strich über die runde Steuerkuppel, als wäre sie lebendig.
Kaum war die Luke verschlossen, vibrierte die Muschel stärker – diesmal im Rhythmus des Summens. Willi fühlte das Kribbeln bis in die Spitzen seiner Fühler. „Na gut. Dann folge ich eben dem Lied", sagte er, zog den Hebel nach unten, und das U-Boot glitt mit einem leisen plopp unter die Wasseroberfläche.
Je tiefer Willi fuhr, desto klarer wurde die Melodie. Sie war nicht mehr nur ein Summen, sondern ein richtiges Lied, das sich wie Wellen durch das Wasser bewegte. Die Fische schwammen im Takt, als würden sie den Klang kennen. Manche drehten sich sogar einmal um sich selbst, als würden sie tanzen.
Nach einer Weile tauchte vor Willi plötzlich ein riesiges Korallenriff auf – viel größer als jedes, das er je gesehen hatte. Die Korallen leuchteten in strahlenden Farben: Blau wie der Himmel, Rot wie Sonnenuntergänge, Grün wie leuchtendes Moos. Und alle schienen sich zu bewegen. Nicht wild oder unruhig – sondern ruhig, gleichmäßig, im Rhythmus des Liedes.
Willi hielt den Atem an.
„Ein singendes Riff… ich glaube, das hat noch kein Wurm vor mir gesehen."