Mama betrat das Wohnzimmer gerade, als der Teppich sich wieder glättete. Der dunkle Spalt verschwand, als hätte er nie existiert. Das kleine weiße Wesen flitzte blitzschnell unter das Sofa, und Alex saß mitten im Raum, die Taschenlampe in der Hand, starr vor Schreck.
„Na du?", sagte Mama und lächelte. „Was machst du denn da so still?"
Alex zögerte. Würde Mama ihm glauben? Dass ein Wesen aus einem Teppich geklettert war und ein riesiges Etwas nach ihm gegriffen hatte? Wohl kaum. Große Leute hörten die Flüstern der Welt nicht so wie Kinder.
„Ich… spiele", antwortete Alex schließlich.
Mama nickte, setzte kurz ihren Becher auf den Couchtisch und verschwand wieder Richtung Küche.
Als die Tür sich schloss, kroch das kleine weiße Wesen vorsichtig wieder hervor, die Fühler zitternd. „Sie hat ihn verscheucht", piepste es leise. „Aber nur kurz. Der Große kommt zurück, wenn es wieder dunkel wird."
„Wer ist er?", fragte Alex.
Das Wesen setzte sich auf seine Handfläche. Es fühlte sich kühl an, aber nicht unangenehm.
„Er ist der Schattenhüter", flüsterte es. „Er gehört unter den Teppich. Da ist die Grenze zwischen den Welten. Du hast sie geöffnet… und er hat Licht gesehen. Das mag er nicht."
Alex schluckte.
„Kommt er… heute Nacht wieder?"
Das Wesen nickte langsam.
„Und warum bist du hier?"
Die kleinen Augen blickten ihn ernst an. „Um dir zu helfen. Du hast ihn geweckt. Jetzt musst du ihn wieder schlafen legen."
Alex wollte gerade fragen, wie das gehen sollte, als plötzlich ein scharfes Knacken durch den Raum hallte.
Er zuckte zusammen.
Das Geräusch kam vom Flur.
Langsam.
Rhythmisch.
Wie Schritte.
Das kleine Wesen vergrub sich sofort in Alex' Ärmel. „Er ist zu früh…", flüsterte es zaghaft. „Viel zu früh…"
Alex stand auf, sein Herz pochte.
Das Licht im Flur begann zu flackern, als wolle es ihn warnen.
Alex machte einen Schritt auf die Wohnzimmertür zu.
Und dann noch einen.
Bis er sah, was im Flur stand.
Es war kein Mensch. Und es hatte keinen Schatten.